Ein ganz normaler Spätdienst - bis nichts mehr normal war.

22.05.2026

Ein ganz normaler Spätdienst - bis nichts mehr normal war.

Station 9 im Zollernalb Klinikum Balingen. Neu eröffnet, alles noch ein bisschen im Aufbau. Ich hatte Spätdienst. Eigentlich wollte ich gemeinsam mit Christian Späth den Dienst anfangen, wie so oft. Ich kannte das System schon, hab ausgeholfen, war froh nützlich zu sein. Dann die Übergabe. Wir saßen zusammen, die Kollegen berichteten was am Vormittag los war.
Ganz normal. Ganz routiniert.

Und dann, mitten in diesem normalen Moment: Atemnot.
Nicht langsam. Nicht schleichend. Einfach plötzlich da.

Ich hab versucht weiterzumachen.
Hab die Kollegen gebeten, die Fenster aufzumachen.
Hab mir selbst eingeredet, dass es gleich wieder weggeht.
Dann kam der Druck. Dieser schreckliche, schwere Druck in der Brust mit vernichtenden Schmerzen, als würde jemand von innen gegen mein Brustbein drücken und gleichzeitig alles zerreißen. Schmerzen, die ich so noch nie gespürt hatte. Die einen nicht loslassen. Die einem klarmachen, dass hier gerade etwas passiert, das größer ist als man selbst.

Ich arbeite auf einer kardiologischen Station. Ich weiß, was das bedeuten kann.
Und genau deswegen kam die Angst. Diese Sorte Angst, die sich anders anfühlt als alles andere.

Ich bin zu Boden gegangen. Kutschersitz. Nach vorne gebeugt. Irgendwie Luft kriegen wollen. Die Kollegen standen um mich herum, unsicher, ratlos. Christian Späth war dabei. Der Dienst, den wir zusammen hätten anfangen sollen, hatte gerade erst begonnen, und schon war alles anders.

Dann kam Dr. Frederick Schwarz. Ruhig, professionell, sofort klar. Aber davor war da schon Anke Metha. Sie hat das erste EKG gemacht, noch im Stationszimmer, während ich im Sitzen kaum Luft kriegte. Dann ins Bett, und sie war wieder da, das nächste EKG. Klar, schnell, ohne Zögern.

Ich lag im Bett. Auf der Station im Zollernalb Klinikum Balingen, auf der ich eigentlich arbeiten sollte. Die Schmerzen ließen nicht nach. Ich hab an die Decke geschaut und keine Ruhe gefunden, weil der Schmerz einfach nicht aufgehört hat. Keine Position hat geholfen. Kein Atemzug hat es besser gemacht.

Aber da war Havva Özkan.
Sie stand an meiner Seite, hat mich an den Monitor angeschlossen, hat mich überwacht, hat einfach nicht losgelassen. Ruhig. Präsent. Da. Und die anderen Kollegen vom Frühdienst genauso. Sie hätten längst Feierabend haben können, aber sie waren noch da. Haben sich gekümmert. Haben nicht einfach übergeben und gegangen.
Diese Menschen haben mich in dem Moment gehalten, wo ich mich selbst nicht mehr halten konnte.

Dann der Satz, der alles verändert hat: "Sofort in die Angiographie!"

Auf dem Tisch hab ich gebetet. Die ganze Zeit, ohne Unterbrechung. Nicht laut. Einfach innen. Ich hab mich in Gedanken verabschiedet. Von meinem Bruder. Von meinem Neffen Samuel, der noch so jung ist. Von Mama. Von Christina. Hab Jesus um Vergebung gebeten, einfach alles rausgegeben, weil ich nicht wusste, ob ich von diesem Tisch wieder runterkomme.
Dr. Philipp Teufel hat den Eingriff gemacht. Er hat immer wieder mit mir geredet. Ruhig. Klar. So als wäre alles machbar. Drei Stunden hat er gekämpft. Drei Stunden, in denen ich auf diesem Tisch lag und er nicht aufgehört hat. Das hat mir mehr geholfen, als er vielleicht weiß.

Von dem was er technisch gemacht hat, dem Stent, dem Gefäß, hab ich nicht viel mitbekommen. Aber ich weiß noch genau, wie sich dieser Raum angefühlt hat. Das kalte Licht. Die Geräusche. Und dieses Gebet in mir, das wie ein Anker war.
Dann war der Eingriff vorbei. Der Stent saß. Und ich wurde auf die Intensivstation gebracht.

Und weißt du was das Verrückte ist?
Mir ging es gut. Wirklich gut. Ich hab mich fast normal gefühlt. Ich hab ernsthaft gedacht, ich könnte jetzt einfach wieder arbeiten gehen. Einfach rüber auf die Station, Dienst anfangen, so als wäre nichts gewesen...dann kamen die Ärzte.
Sie haben sich zu mir gesetzt und mir ruhig erklärt, was passiert war. Was wirklich passiert war.
Herzinfarkt. Kompletter Verschluss der Hauptkranzarterie. Das stand jetzt schwarz auf weiß in meiner Akte. Nicht als Kollege, nicht als Pflegefachmann der ein EKG interpretiert. Sondern als Patient. Als derjenige, über den die Diagnose geschrieben wird.

Das hat mich einen Moment lang sprachlos gemacht.
Ich, der jeden Tag mit Herzpatienten arbeitet. Ich, der weiß wie das klingt wenn jemand sagt er hatte einen Herzinfarkt. Ich war jetzt derjenige, von dem das gesagt wurde. Und Christian Späth, mit dem ich eigentlich Seite an Seite in den Spätdienst gestartet wäre, hat das alles miterlebt. Diesmal auf der anderen Seite gestanden.

Ich möchte heute viele Menschen besonders nennen. Und ein ganzes Team.
Dr. Frederic Schwarz. Dr. Philipp Teufel. Havva Özkan. Anke Metha. Die Kollegen vom Frühdienst. Und das komplette Team des Katheterlabors.
Als es drauf ankam, haben sie keine Sekunde gezögert. Nicht einen Moment gewartet. Sie haben sofort reagiert, sofort gehandelt, sofort alles gegeben. Havva Özkan hat mich nicht allein gelassen, nicht eine Minute. Die Kollegen vom Frühdienst haben nicht einfach Feierabend gemacht, obwohl ihre Schicht längst vorbei war. Dr. Frederic Schwarz hat sofort die Weichen gestellt, klar und ruhig gehandelt, als ich selbst nicht mehr klar denken konnte. Dr. Philipp Teufel hat mich durch den Eingriff begleitet, hat mit mir geredet, hat mir das Gefühl gegeben, dass ich in guten Händen bin, selbst in dem Moment, wo ich nicht wusste ob ich überlebe. Drei Stunden hat er um mein Leben gekämpft, ohne aufzugeben. Und das Team im Katheterlabor hat im Hintergrund alles möglich gemacht. Lautlos, präzise, professionell.

Diese Menschen haben mir mein Leben gerettet.
Das ist keine Übertreibung. Das ist die Wahrheit.

Wenn ich heute zurückschaue, dann sehe ich es ganz klar: Dass es genau dort passiert ist, im Zollernalb Klinikum Balingen, auf einer Kardiologiestation, mit diesen Menschen direkt vor Ort, einem Katheterlabor das bereit war, ohne eine Minute Verzögerung, das war kein Zufall. Das fühlt sich nicht nach Glück an. Das fühlt sich nach Gottes Schutz an.
Ich bin noch hier.

Das verdanke ich Menschen, die im richtigen Moment am richtigen Ort waren und alles gegeben haben. Und ich glaube, dass jemand dafür gesorgt hat, dass das so war. „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.” Psalm 91
Ich glaub das nicht als schönen Spruch auf einer Postkarte. Ich glaub das, weil ich an diesem Tag gespürt habe, dass jemand da war. Unsichtbar, aber da. Er hat mich gehalten.

Danke Dr. Frederic Schwarz. Danke Dr. Philipp Teufel. Danke Havva Özkan und Christian Späth. Danke Anke Metha. Danke an alle Kollegen vom Frühdienst. Danke an das ganze Team des Katheterlabors. Ihr habt keine Sekunde gezögert. Ihr habt mir mein Leben zurückgegeben.

Das trage ich für immer mit mir.
David

 

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